Gaudis Erbe

Bibliothek, England

Leistungen Deutsche Werkstätten:
Entwurf, Planung, Innenausbau

Fertigstellung 2011

Fotos

Die Deutschen Werkstätten haben Erfahrung mit ungewöhnlichen Kundenwünschen. Doch jene Anfrage, die im Juni 2009 auf dem Tisch unseres UK-Repräsentanten Gus Grimaldi landete, erstaunte uns schon: eine Bibliothek, in Massivholz ausgeführt und an die Formensprache Antoni Gaudis angelehnt sollte es werden.

Der Bezug auf den genialen Baumeister Gaudi kam uns fast unheimlich vor. Anderthalb Jahre vor der Anfrage aus England hatten die Deutschen Werkstätten in ihrer, in das Unternehmensgebäude integrierten Galerie eine Ausstellung über das Schaffen des Architekten aus Barcelona gezeigt. Alle 190 Mitarbeiter in Hellerau wurden – ob sie wollten oder nicht – täglich mit den organischen Formen Gaudis konfrontiert. Das nennt man eine gute Vorbereitung.

Entwurf
Antoni Gaudi war ein Ausnahmetalent, ein Künstler mehr als ein Architekt, ein visionärer Gestalter. Er prägte seine Heimatstadt Barcelona wie kein anderer. Ein solches Genie kann man nicht kopieren, man kann sich nur vorsichtig annähern und die eigenen Gedanken und Emotionen materialisieren. Wir schufen einen ersten Entwurf, der sofort überzeugen konnte: Dreidimensionale Holzfronten aus geölter Eiche mit einer charakteristisch geschwungenen Linienführung, kombiniert mit Stahl- und Glaselementen sowie geraden und geschwungenen Einlegeböden aus geölter Wenge und Stahl, verbunden über gewaltige Durchgangselemente und über Türen, ebenfalls aus massiver Eiche.

Modellieren und Fräsen
Mithilfe einer speziellen 3D-Modellierungssoftware aus der Automobilindustrie ließen wir die Bibliothek virtuell am Bildschirm entstehen. Aus dem Modell ergab sich die Präparierung der Rohlinge: 19 Millimeter starke Massivholzplatten wurden an jenen Stellen in diversen Lagen kreuzweise übereinander geleimt, die sich später nach außen wölben sollten. Die nächste Herausforderung bestand darin, Rohteile mit solch enormen Maßen – am höchsten Punkt misst die Bibliothek 3,60 Meter – mit einer 5-Achs CNC-Fräse dreidimensional zu fräsen. Immerhin ging es um komplexe Geometrien, die sich keinem Standard unterwerfen.

Fertigung
In die Rückseiten der Rohteile frästen die Tischler Fälze ein für das Legen von Lichtkabeln oder das Befestigen von Scharnieren. Dann begann mit dem optisch unspektakulären Sockel der Aufbau der Bibliothek inmitten der 7.500 qm großen Fertigungshalle der Werkstätten in Hellerau. Die Fronten, die Türen, der sich emporreckende Durchgang mit den dreidimensionalen Oberflächen, den organischen Formen und Ausbuchtungen - Gaudis Erbe in Dresden. Die Platzierung und das Einsetzen des Durchgangs brachte ein halbes Dutzend Tischler ins Schwitzen. Nach ein paar Wochen standen sich die beiden Seiten der Bibliothek in ihrer gesamten Schönheit gegenüber. Eine perfekte Bibliothek am falschen Ort.

Transport und Einbau
Die dick verpackten Einzelteile erreichten nach einer langen LKW-Fahrt ihren Bestimmungsort. Innerhalb von zwei Wochen verwandelte sich ein nackter Raum in einen Schrein, der den Eintretenden andächtig staunen lässt. Die massiven Holzfronten, der grottenähnliche Durchgang zu einem hinter der Bibliothek liegenden Raum, das indirekte Licht über den Einlegeböden, an den Schubkästen im unteren Teil sowie zwischen Sockel und Fronten, die abgehängte Decke mit ihren zwei Deckendomen und das in fließenden Formen verlegte Parkett vereinen sich zu einer Stimmung, die irgendwo zwischen dem Hogwarts von Joanne K. Rowling und dem Friedhof der vergessenen Bücher aus dem grandiosen, in Barcelona spielenden Roman „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón angesiedelt ist.

Text: Deutsche Werkstätten
Foto: Sven Döring