”To-morrow.” Das Projekt Hellerau.1903 begann in England der Bau der Gartenstadt Letchworth. Es war dies einer der ersten Versuche, die bedrückenden Wohnverhältnisse in den europäischen Großstädten zu bekämpfen. Wenige Jahre später folgte im sächsischen Dresden das Bauprojekt „Hellerau“. Es sollte eine einzigartige Unternehmung werden.
Schon früh sprach der Gründer der Deutschen Werkstätten, Karl Schmidt, davon, einen Neubau seiner Fabrik mit dem einer Gartenstadtsiedlung zu verbinden. 1906 fiel die Entscheidung für den Bau, 1908 begann er tatsächlich. Das Baugelände entsprach weitgehend den Vorgaben, die Ebenezer Howard 1898 in seiner theoretischen Schrift „Garden Cities of To-morrow“ publiziert hatte: Nähe zur Großstadt, aber ländliche Umgebung und billiger Boden. Der „Heller“ am Nordrand von Dresden war solch ein Gelände und hier entstanden neben Wohnungen auch zahlreiche soziale und Versorgungseinrichtungen. Im Herbst 1909 zogen die ersten zehn Familien ein. Bis in die 1930er Jahre wurde die Siedlung ständig erweitert.

Hellerau, Garten und Stadt.Ein Ort kann anziehen oder abstoßen. Man kann sich zur Gartenstadt und ihrer Idee stellen wie man will, man kann sie als konservativ abtun oder eine wiedergewonnene Modernität loben- aber kalt lässt Hellerau die wenigsten.
“Eine Gartenstadt ist eine Stadt, die für gesundes Leben und für Arbeit geplant ist: groß genug, um ein volles gesellschaftliches Leben zu ermöglichen; umgeben von einem Gürtel offenen (landwirtschaftlich genutzten) Landes, die Böden des gesamten Stadtgebietes befinden sich in öffentlicher Hand oder werden von einer Gesellschaft für die Gemeinschaft der Einwohner verwaltet.“ (Ebenezer Howard, Garden Cities of To-Morrow, 1898)
“Hellerau war keine der üblichen Vorstadtsiedlungen zur Entlastung der Großstadt Dresden. Es war etwas ganz anderes: ein selbständiger Wohn- und Arbeitsorganismus, der sich aus seiner geistigen und künstlerisch-handwerklichen Struktur heraus seine eigene kulturelle Aufgabe und Lebensform schuf.“ (Peter de Mendelssohn)

Die Gartenstadt und die Gegenwart.Hellerau lockt zunehmend mehr Gäste an den Rand von Dresden. Häufig stehen dann auch die Deutschen Werkstätten auf dem Plan. Um das Fabrikensemble von 1909 ist seit Ende der 1990er Jahre viel passiert.
Trotzdem haben es und die Gartenstadt ihre ursprüngliche Form und Ausstrahlung bis in die Gegenwart bewahrt. Sie sind heute ein lebendiges und einmaliges Zeugnis deutscher Architektur- und Industriegeschichte. Das Villenviertel, die Klein- und Arbeiterhäuser sowie die Marktanlage entsprechen weitgehend dem ursprünglichen architektonischen Gesamtbild. Aber Hellerau entwickelt sich auch weiter. So sind in der Siedlung neue Wohnhäuser und auf dem Fabrikgelände neue Atelierhäuser entstanden. Auch das produzierende Unternehmen Deutsche Werkstätten ist umgezogen: Auf Grundlage der Entwürfe des Architekturbüros Thomas Herzog und Partner entstand 2005/2006 ein neues Unternehmensgebäude vis-à-vis dem alten.

Kulturfrühling in Hellerau.Das Festspielhaus von Heinrich Tessenow und die Tanzschule von Emil Jacques-Dalcroze – welcher Liebhaber des modernen Tanzes oder der Architektur hat nicht wenigstens schon einmal davon gehört?
Hellerau sollte nach dem ersten Geschäftsführer der Gartenstadtgenossenschaft Wolf Dohrn nicht nur „eine zufällige Anhäufung von Menschen und Häusern“ sein. Er erhoffte sich die „Überwindung geistiger Anarchie“ durch kulturelle Leistungen der Bewohner. In diese Vorstellungen passte der Bau eines Schulkomplexes mit Internat und Festspielhauses für Émile Jaques-Dalcroze. Sogar Mary Wigman lernte einige Zeit in Hellerau. Der Festspielhaus-Entwurf Heinrich Tessonows traf nicht nur auf Zustimmung. Riemerschmid fand den Entwurf zu nüchtern, Karl Schmidt zog sich ganz aus dem Projekt zurück. Begründung: Zu hohes finanzielles Risiko. Das Haus wurde dennoch gebaut, es gab spektakuläre Inszenierungen, so Paul Claudels Mysterienspiel „ Verkündigung“.

Metamorphosen eines Ortes.Hellerau bleibt an seinem Ort. Wie sollte es mit einem Stadtteil Dresdens auch anders sein? Aber in diesem Ort passiert viel. Neue Architektur entsteht, Kultur kommt und geht, neue Kultur findet sich ein und hinterlässt ihre Spuren. Hellerau war und ist ein Ort des Wandels und der Tradition.
Das Festspielhaus steht in mancher Hinsicht für das wechselhafte Schicksal von Hellerau. Während seiner kurzen Blüte zog es die Avantgarde der damaligen Zeit an. Mit dem Ausbruch des ersten Weltkrieges aber war die Aufbruchzeit zu Ende. Nach dem Konkurs wurde das Festspielhaus ab 1937 zur Polizeikaserne umgebaut. 1945 übernahm die Sowjetarmee das Objekt und blieb dort bis 1992. Heute hat hier u.a. mit der Forsythe Company das eine Heimat gefunden, was ursprünglich beheimatet sein sollte: der Tanz.